Mit diesem Begriff wird man früher oder später in jeder öko-sozialen Bewegung konfrontiert. Für andere ist das Grund genug, sich solchen Bewegungen bloß nicht zu nähern, aus Sorge etwas verlieren zu können. Gerade jetzt nach Karneval, wo die Fastenzeit begonnen hat, taucht auch der Verzicht wieder in unseren Köpfen auf.

Tatsächlich ist das Thema Verzicht weit komplexer und vielschichtiger, als es verzichtsbesorgten Menschen scheinen mag. So gibt es auch ganz verschiedene Sichtweisen darauf. Ich habe mich viel damit auseinandergesetzt, weil ich auch immer wieder danach gefragt werde.

Zuallererst ist „Verzicht“ im Deutschen häufig negativ belegt. Ich weiß nicht, ob das noch aus Nachkriegszeiten stammt, wo der Verzicht alles andere als freiwillig war und existenzbedrohende Züge annahm. Es wird jedoch Zeit, dass wir dem Wort mindestens eine neutrale, wenn nicht sogar positive Bedeutung beimessen. Wir befinden uns nämlich nicht mehr in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Wir haben alles was wir brauchen und sogar mehr davon als uns gut tut. Für uns kann Verzicht also sogar etwas positives erleichterndes sein. So ist zumindest meine Erfahrung damit.

Alles fing an, als ich aufhörte Fleisch zu essen wenn ich auswärts aß. (Man weiß ja nicht wo es herkommt und das meiste stammt ja doch aus Massentierhaltung). Während ich früher gerne mal fast panisch wurde, weil ich mich nicht zwischen den ganzen Gerichten auf der Karte entscheiden konnte, so blieben plötzlich nur noch ein oder zwei Gerichte übrig. Für mich bedeutete dieses weniger an Wahl tatsächlich deutlich weniger Qual. Ich genieße das sehr und habe meine Regel mittlerweile auf alle Tierprodukte ausgeweitet.

Verzicht im Überfluss

Tatsächlich hat Verzicht eine vollkommen neue Bedeutung bekommen. Der Begriff ist nicht mehr bedrohlich, sondern erstrebenswert. Er steht für Ideale, Charakterstärke und Selbstdisziplin, sowie für das Handeln statt nur Reden. Warum? Weil der grenzenlose Überfluss uns von hinten das Genick bricht. Wir werden immer fetter und immer fauler. Die Kleidungsindustrie hat sogar schon klamm heimlich die Messwerte hinter den Bezeichnungen S, M und L nach oben angepasst, weil es schmeichelhafter ist, wenn man M tragen kann statt L. Big mag beautiful sein, aber meistens ist es auch einfach nur ungesund und ein Ergebnis von überfordernd großem Angebot und unserem angelernten Verhalten Frust mit Konsum jeglicher Art zu begegnen. Glücklicher werden wir davon nicht, wir brauchen nur größere Kleidergrößen und größere Wohnungen. Das alles müssen wir aber auch finanzieren, weshalb wir noch mehr Arbeiten und noch billiger einkaufen. Es führt auch auch nicht dazu dass wir mehr mit den Armen teilen. Ganz im Gegenteil, lediglich unserer Verlustängste steigen. Wir haben immer mehr und schließen es immer besser ab. Das Vertrauen in unsere Mitwelt sinkt während die Ängste vor Fremden und vor Klimaflüchtlingen steigen.
Kein Grund zum Vorwurf. Wir sind alle nur Produkte unserer Gesellschaft. Es ist ein Teufelskreis, in den wir immer tiefer rein rutschen. Der bewusste Umgang mit „Weniger“ kann uns da raus helfen. Das sollte mit einer Diät aber nichts zu tun haben, denn die hält sowieso nicht lange.

Für mich ist es mittlerweile so, obwohl ich auf ganz viele Dinge verzichte, die für die meisten Menschen ganz normal sind, bin ich nicht unzufrieden oder gar in Mangel an etwas. Ganz im Gegenteil. Ich bin deutlich zufriedener, weil ich nicht mehr ständig darüber nachdenke, was ich alles haben könnte oder sollte, was andere haben, was jetzt gerade in oder hip oder cool ist, was meinem Status oder Alter entspricht. Ich weiß für mich, ich habe alles was ich brauche und bin damit zufrieden. Ob wir Verzicht als Mangel empfinden, ist also eine Frage der Einstellung. Tun wir es weil jemand es von uns erwartet oder wir selbst es von uns erwarten, dann ist es Mangel. Tun wir es freiwillig, aus freien Stücken, aus unseren Idealen heraus, dann ist es Verzicht im positivsten Sinne. Genauso wie all die Veganer, Vegetarier oder Menschen die keine Hunde essen (nicht selbstverständlich und schon gar nicht logisch).

Das einzige, bei dem ich wirklich einen Mangel empfinde ist der Zustand meiner Umgebung. Aber darüber berichte ich im nächsten Beitrag….

Kreativität durch Mangel

Und erst kürzlich ist mir klar geworden, dass ich die Nachkriegszeiten sogar manchmal heimlich beneide.  Man hat damals alles aufbewahrt und aus allem etwas gebaut und gebastelt was nützlich war, alles wertgeschätzt. Man wäre nie auf die Idee gekommen, Beutel aus Kunststoff dafür zu produzieren, um sie mit Abfall zusammen wegzuschmeißen (Seit mir das klar ist, schmeiße ich mein bisschen Müll auch immer ohne Müllbeutel in die Tonne.). Nein, ich wünsche mir natürlich keinen Krieg und auch nicht wirklich existenzielle Not, aber ich merke immer klarer, wie sehr mich dieser Status anzieht, darauf angewiesen zu sein, rein gar nichts wegzuschmeißen.
Das fängt beim Essen an. Ich liebe es den Kühlschrank bis aufs ultimo leer werden zu lassen und trotzdem noch etwas leckeres mit den kleinsten Resten zu kochen. Es ist für mich wie eine kreative Herausforderung, dessen Erfolg ich beim Essen direkt feiern kann. Auch Essensreste so zu verarbeiten, dass sie sogar noch besser schmecken als am Vortrag gehört zu meinen Leidenschaften. Und wenn ich dann noch die Pfanne auskratzen kann, bin ich selig.

Wenn Gegenstände im Haushalt kaputt gehen, dann tue ich mich richtig schwer damit sie wegzuschmeißen. Und das nicht, weil ich meinen Mülleimer versuche in ein Einmachglas zu stopfen 😛 Es tut mir einfach weh, um das Produkt, um die Rohstoffe, die dahinterstecken. Und in einer Welt ohne Überfluss, würde man sicher noch etwas daraus machen können, was nützlich ist. Ich liebe diese kreativen Improvisationen, die all das aufwerten was schon da ist. Ich möchte gar nichts neu kaufen, weil so viel schon da ist, dass nur auf einen neuen Besitzer wartet. Das zeigt sich spätestens beim nächsten Sperrmüll. Sperrmüll am Straßenrand verursacht in mir regelmäßig Wehmut, weil ich weiß, in meine Wohnung, kein einziges Möbelstück mehr reinpasst.

Deshalb träume ich von einer Werkstatt im Hinterhof, in der ich all diese guten Sachen zu tollen neuen Möbeln verarbeiten kann, einem Umsonstladen, in dem ich all das abgeben kann und wo selbst Kleinstteile gut sortiert den Besitzer wechseln können und dem Bedingungslosen Grundeinkommen, was mir all das finanziert. Aber ich schweife ab..

Es macht mir einfach eine riesige Freude aus den Sachen, die da sind, die ich finde, die ich geschenkt bekomme, die andere wegwerfen, etwas neues zu kreieren. Für mich ist es kein Verzicht auf neues zu verzichten, sondern die pure, kreative Schaffensfreude und Wertschätzung von allem was ist.

Seit ich mich regional und saisonal ernähre ist mir übrigens klar geworden, was die Fastenzeit wirklich bedeutet. Denn genau diese Zeit im späten Winter ist es, wo die Lagerware langsam knapp wird und die neue Saat noch auf sich warten lässt. Das ist die Zeit, die vor Globalisierung und Tiefkühltruhen naturgemäß zum fasten verdonnerte. Mit diesem Wissen im Hintergrund fällt es mir noch ein Stück einfacher, mich noch eine Weile auf frische Tomaten und Gurken zu freuen während ich traumhaft leckeren Kartoffelsalat mit selbst eingelegten Zucchini und Sellerieschnitzel esse. Und wer Monatelang auf Tomaten verzichtet hat, der kann die deutschen Tomaten, wenn sie reif sind, umso mehr genießen.

Was bedeutet für euch Verzicht? Wie sind eure Erfahrungen? Wie geht ihr damit um?