Weihnachten. Eine Bilanz

Veröffentlicht am: 29. Dezember 2015 |

Gregor und ich haben unser zweites gemeinsames Weihnachtsfest hinter uns und die Gefühle mit denen wir hinein und hinaus gegangen sind, könnten gemischter nicht sein. Wir sind beide weder christlich noch konsumgesteuert. Was bleibt für uns also übrig von unserem modernen Weihnachtsfest?
Dieses Fest transportiert so viel Zwiespältigkeit. Wir gehen brav in die Kirche, wollen aber niemanden an unserer heiligen Tafel sitzen haben, ob einsam oder nicht. Wir überhäufen uns mit Gaben und selbst die Jüngsten fangen schon an sich dabei zu überschulden. Der Geschenkedruck ist so hoch, das Teenager ein vielfaches ihres Taschengeldes dafür ausgeben. Wir wollen unseren Liebsten eine Freude machen, vergessen aber wie viel Leid auf dieser Welt hinter einem Smartphone, konventioneller Kleidung oder unfairer Schokolade steckt. Billiger Plastikschmuck und leuchtende Accessoires zieren unsere Wohnung und unsere Vorgärten, die so schnell kaputt gehen, wie sie gekauft wurden. Der Stromverbrauch der Lichterketten steigt ins unermessliche und hektarweise Monokulturen an Weihnachtsbäumen werden gerodet, um zwei Wochen später weggeschmissen und vergessen zu werden.

Was bleibt unterm Strich

Wenn es nach Gregor ginge würden wir an dem ganzen Wahnsinn nicht teilnehmen und die Tage nutzen, um endlich mal in Ruhe arbeiten zu können. Ich aber will es einfach nicht loslassen, das Weihnachtsfest. Für mich noch eine tiefere Bedeutung, vergraben unter all den Geschenkebergen, unter all dem Konsumstress in der Vorweihnachtszeit und all der christlichen Ambivalenz. Für mich war es immer ein Fest der Familie und Freunde, des Zusammenkommens und des Zeit miteinander Verbringens. Zeit für einander, die uns im normalen Alltag immer mehr verloren geht. Und so gebe ich nicht auf, dass wir uns ein Weihnachten erschaffen, wie wir es uns vorstellen. Und wir nähern uns immer mehr dieser Vorstellung.

Wenn es nichts wird aus der Familienzusammenkunft, kann es trotzdem ein Weihnachten geben? Darf es nur die Familie sein? Wieso nehmen wir nicht auch Freunde, Bekannte oder Bedürftige auf, die an diesem Tag nichts festliches haben. So feierte ein Freund seinen Heiligen Abend mit 3 Freunden, die ebenfalls ohne Familie da standen und luden dazu noch 3 Flüchtlinge. Ist das nicht die wahre Nächstenliebe von der immer gesprochen wird?! Wenn es um Besinnlichkeit geht, wieso laden wir nicht direkt Menschen ein, mit denen wir so eine Besinnlichkeit auch fühlen können, statt zwanghafter Familienfeste ohne Zugangsberechtigung von außerhalb?

Wer nimmt teil?

So waren wir am Heiligen Abend ZWL_Gutscheine_1000wieder einmal alleine. Erst machte es mich traurig, so ganz ohne Besuch oder Besuchen. Letztendlich kam ich aber noch rechtzeitig zur Ruhe und genoss einen wunderschönen Tag und Abend mit Gregor an dem wir uns ganz bewusst Zeit für einander nahmen, die Computer nicht ansahen, die Gutscheine für die Kinder bastelten und ein Festmahl nach unserem Geschmack kochten. Wir schafften uns unsere eigene Besinnlichkeit und von Einsamkeit war keine Spur.

Gregors Kinder haben sich schon lange dafür entschieden ihr gewohntes Weihnachten bei der Mutter zu verbringen.
Dort ist alles so wie sie es von klein auf kennengelernt haben und bei all den Veränderungen, die sie bei uns mitmachen, ist ihnen ihr Wunsch nach Altbekanntem nicht zu verübeln. Sie kamen uns besuchen, wir frühstückten ausgiebig und hörten uns ganz brav (aber nur mit einem Ohr) an, wer alles, was alles von wem geschenkt bekam und wer wem was schenkte und wie glücklich alle daraufhin jetzt sind. Unser Tag sollte jedoch anders aussehen. Das wiederholte drängen auf Bescherung am Esstisch drosselte ich barsch mit einem „Dein Hauptgeschenk kennst du schon und alles andere ist nichts, was du dir gewünscht hast.“ Tatsächlich gab es auch bei uns Geschenke für die Kinder. Wohl vielmehr aber weil sie um die Weihnachtstage auch Geburtstag haben und so geht die Schenkerei ineinander über. Glücklicherweise teilten uns alle drei Kinder schon lange im Voraus mit, was sie unbedingt gerne mal (wieder) machen würden und so waren die Gutscheine schnell gebastelt. Die Geschenke zum Auspacken enthielten Kleinigkeiten aus Büchern und wiederverwendbaren Eisformen.

ZWL_Geschenke_Weihnachtsbaum_1000Im Gegensatz zum letzten Jahr, wurden wir dieses mal aber enttarnt. , Welche Bedeutung diese Erkenntnis für sie hatte, weiß ich leider nicht, wir trugen es aber mit Stolz. Denn genau das entspricht unserem tiefsten Glauben. Alles was wir kaufen, versuchen wir gebraucht zu ergattern, um den Dingen eine möglichst lange Lebensdauer zu geben. Warum sollte es bei Geschenken anders sein. Für den, der es bekommt ist es trotzdem NEU! Eine kleine Widmung im Buch, macht es doch nur einzigartiger. Und natürlich werden die Geschenke in Stoff verpackt, den kein noch so euphorisches Kind kaputt gerissen bekommt und der so immer wieder verwendet werden kann.

Die Bescherung war also schnell rum und der Rest des Tages wurde zusammen musiziert, gespielt und Waffeln gegessen. Wir nahmen uns den ganzen Tag frei und konzentrierten uns nur auf die Kleinen. Etwas was sie im Alltag nur allzu selten von uns bekommen, wenn wir mal wieder in unserer Erwerbs- und nicht-Erwerbsarbeit untergehen. Kann es in unser heutigen Zeit ein wertvolleres Geschenk geben?! Wer hat schon noch Zeit einen ganzen Tag lang nichts „produktives“ zu machen.

Geht es auch ohne Geschenke?

Neben all den Geschenken, die in unserer Umgebung verteilt wurden, wurde unsere Wunsch erstaunlich respektiert, uns nichts Materielles zu schenken. Ein Zustand der bei weitem nicht leicht zu erreichen ist. Die Absprachen untereinander kennt fast jeder, wenn es heißt „lass uns dieses Jahr mal nichts schenken“. Und fast jeder kennt auch was es bedeuten kann, sich nichts zu schenken. Einer kommt doch wieder mit einer Kleinigkeit an, denn ganz ohne geht es ja auch nicht. So wird sich weiterhin der Kopf zerbrochen, was man anschaffen soll und was das Gegenüber wohl anschafft, um ja in nichts nach zu stehen. Und an dem Punkt wird das klassische Weihnachtsfest zum Stress für uns alle.

Die Kinder haben uns respektiert und lediglich zwei selbstgebastelte Lesezeichen unter den „Baum“ gelegt. Die Großeltern konnten es aber auch in diesem Jahr nicht ganz sein lassen. Und so wurden uns Schaumwein und Pralinen vor die Nase gestellt. Wer diesen tiefsitzenden Drang danach, etwas zu schenken austreiben will, schafft das nur mit drastischen Mitteln. Konsequent selbst nichts zu verschenken ist nur die eine Seite. Ich habe also meine Pralinen (einzeln verpackt und in Hartplastikschale drapiert) stehen lassen. Ich nehme meine Großeltern dann ganz fest in den Arm und sage ihnen, dass ich das alles nicht mehr möchte, dass ich sie trotzdem unglaublich lieb habe, weiß dass auch sie mich lieb haben und dass das schönste Geschenk was sie mir machen können, ein Beisammen kommen wie dieses ist.

Weihnachtsschmuck

Auch auf Lichterketten und Weihnachtsbäume möchte ich weiterhin ZWL_Altpapiersterne_1000nicht verzichten. Unser Weihnachtsbaum wurde aber ebenfalls enttarnt, als gar kein richtiger Baum. Es stimmt, einen ganzen Baum wollte ich nicht enthaupten und schnitt lediglich ein paar grüne Zweige ab. Unseren Weihnachtsstrauch schmücke ich jedes Jahr mit immer dem selben Lametta und den drei Christbaumkugeln, die ich damals bei meinem Auszug von zu Hause mitnahm. Der restliche Schmuck wird jedes Jahr kreativer. Aus Altpapier werden Sterne gefaltet, aus Orangenschalen Sterne und Rentiere ausgestochen und rote Schleifen geben den letzten Farbtupfer. Die Stromsparende LED-Lichterkette erstand ich gebraucht. Für mich ein perfekter minimalistischer Weihnachtsbaum.

Wir machen große Fortschritte auf dem Weg zu einem Weihnachten, wie wir es uns vorstellen. Ohne Stress, ohne Zwang, ohne Konsumdruck, dafür mit viel Zeit und den Menschen, die wir lieben.

5 Comments to Weihnachten. Eine Bilanz

  1. Regina schreibt:

    Unser Weihnachtsbaum steht vor dem Wohnzimmerfenster und ist eigentlich eine Eibe. Die schmücke ich richtung Fenster mit roten und goldenen Baumkugeln fertig. Netterweise spiegelt sich das Licht der Straßenlaterne in den Kugeln was echt toll aussieht. Und wenn die Kugeln dann noch eine Schneehaube bekommen ist es Perfekt, klappt aber leider meist nicht.
    Das es auch ohne Geschenke geht haben wir schon als Kinder gelernt in den Jahr in dem unser damaliger Hund im November schwer Krank wurde und endweder eingeschläfert oder für über 1000 Mark Operiert und behandelt werden musste. Er hat noch über 10 Jahre gelebt , das war ein gutes Geschenk von dem wir alle Jahrelang wirklich jeden Tag was hatten.
    Allgemein gibts es bei uns nur noch Geschenke für die Kinder wobei auch geguckt wird was gebraucht wird. So gab es Weihnachten für meine Nichte Bettwäsche da sie aus dem Gitterbett rauswächst und für den kleinen von meinem Mann ein Fahrrad da das alte auch zu klein wurde.
    Dafür trifft sich Weihnachten alles bei meiner Schwester, jeder bringt was zum Essen mit und es werden Plätzchen getauscht ( sehr Praktisch, 2-3 Sorten backen, die nächsten Tage 15 essen können). Der Abend läuft lustig, laut, chaotisch aber sehr schön und streßfrei ab.

  2. Fussel schreibt:

    Mein Freund ist eigentlich Weihnachtsverweigerer, aber ich mag auch auf das Fest nicht verzichten. Weihnachtsschmuck hab ich so einigen, aber da ich Plastik da noch nie mochte, besteht er aus ein paar Kugeln, Strohsternen (teilweise selbstgebastelt) und etlichen kleinen erzgebirgischen Holzsachen. Lametta gibt’s nicht, das mochte ich auch noch nie (wird übrigens seit 2015 auch nicht mehr hergestellt). Eine Lichterkette gibt’s bei uns nicht, wir haben ganz altmodisch noch echte Kerzen. Die brennen dann eben nur, wenn man neben dem Baum sitzt und den Anblick geniesst. Ich finde es immer schade, wenn der Weihnachtsbaum quasi nur zu einer „Zusatzbeleuchtung“ verkommt, die immer an ist, wenn man zuhause ist. Da guckt dann keiner mehr so richtig hin.
    Die Pyramide ist von meiner lange verstorbenen Oma und wird in Ehren gehalten.
    Ich mag es, in der Adventszeit dann zusammen Kaffee oder Tee zu trinken, Stollen oder Pfefferkuchen zu essen und der Pyramide zuzuschauen. Das macht eine schöne heimelige Stimmung, das möchte ich nicht missen.

    Bei den Geschenken ist es bei uns mal so, mal so. Mit meinem Vater und meiner Schwester gibt es ein „keine Geschenke“-Abkommen, bei allen anderen kommt es drauf an, ob derjenige einen konkreten Wunsch hat oder mir was Passendes einfällt. Oft sind es auch Geschenke aus meiner heimischen „Werkstatt“, also selbstgemachte Seife, Eingewecktes, Gestricktes etc.
    Verlegenheitsgeschenke, die dann nur den Müllberg vergrößern, sind doof.
    Man sollte aber nicht die soziale Funktion von (guten) Geschenken unterschätzen. So gar nichts haben zu wollen oder zu schenken, kann auch nach hinten losgehen. Eine Materialschlacht draus zu machen ist aber nicht gut, da gebe ich Dir Recht.
    Second-Hand-Sachen sind bei uns auch bei den Geschenken dabei, aber nicht nur. Diese Jahr habe ich zum Beispiel die „Haushalts-Entplastikung“ meiner Tochter durch Edelstahl-Dosen unterstützt. Ist sehr gut angekommen.
    Ich habe aus früheren Jahren noch gebrauchtes Geschenkpapier, das verwende ich seit Jahren immer wieder (jedes Stück wird halt jedes Mal ein bißchen kleiner), aber ich werde wohl keines nachkaufen. Mit Stoff werde ich meine Geschenke wohl nur dann einwickeln, wenn ich weiß, dass der/diejenige den Stoff dann selbst weiterverwendet. Um Stoff wär’s mir noch mehr schade als bei Geschenkpapier, wenn der im Müll landen würde…
    Wahrscheinlich verschenke ich dann einfach unverpackt.

    Also Verschenken ja und Weihnachten genießen auch, aber möglichst ohne/mit wenig Müll und nicht einfach nur was schenken „weil man ja was schenken muss“.
    In diesem Sinne: ein schönes neues Jahr!

  3. frohzuseinbedarfeswenig schreibt:

    Danke für diesen Beitrag! Mutig persönlich!
    Bei uns ist der christliche Grund des Festes zwar wichtig und tragend, aber keinesfalls – und grade aus dem christlichen Grund heraus – darf das Fest zu einer Materialschlacht verkommen. Und da haben mich Eure Beiträge sehr ermutigt. Wie konsequent Ihr das bei der Hochzeit durchgezogen habt ist wirklich bewunderswert, und genauso muss ich es beim Weihnachtsfest eben auch machen. Nicht sparen an der Freude! aber sehr wohl am materiellen Aufwand. Uns ist es dieses Weihnachten gelungen, alles mit hübschen selbstgenähten Stopffsäckchen, Stoffbändern und Strickwolle einzupacken und nur dann und demjenigen etwas zu schenken, wo es rein um eine Überraschung, eine ausgesuchte Freude ging, und jemand, für den uns nichts solches einfiel, einfach nichts zu schenken. Und das war völlig okay. Es hat funktioniert. Was das Essen anbelangt, überholen uns die Jungen längst was ökologische, nachhaltige und tierethische Gesichtspunkte angeht und haben tolle neue Rezepturen beigetragen.
    Den Weihnachtsbaum hätte sicher niemand gekauft, er sah so unförmig lustig verbogen aus, denn es war ein Ast, der an einem bereits vor zwei Jahren enthaupteten Baumes im Garten nachgewachsen ist, und sich irgendwie zur neuen Tannenspitze gestreckt hat. Erzählen, Reden, Spielen, sich freuen, dass andere weite Reisen gemacht haben, um einfach da zu sein, einander in den Arm zu nehmen und sich aneinander zu freuen – das war im Mittelpunkt; natürlich auch das Weihnachtsoratorium und Kirchgang, das ist für uns Herzenssache. Aber den Perversionen dieses Festes muss man wirklich entschlossen widerstehen. Danke für diesen ermutigenden Blog, das Materielle konsequent zu bändigen und dafür dem Anderen, Eigentlichen um so mehr Raum zu geben.

  4. Doris schreibt:

    Hallo, ein schöner Beitrag. Für mich hat dieses Jahr auch kein Weihnachtsbaum gepasst und wir haben uns für eine andere Variante entschieden (ein sehr großer Ast mit Lichterkette und Kugeln/Anhängern), ebenfalls haben wir uns nichts geschenkt und bei Familie/Freunden gebeten, uns nichts zu schenken. Statt größerer Bescherung gab es einen Spieleabend, der allen gut gefallen hat. Das war wirklich schön. Gut zu lesen, dass andere sich ähnliche Gedanken machen, viele Grüße, Doris

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