Bio vs. Zero Waste

Veröffentlicht am: 13. August 2018 |

In meinen Vorträgen und Workshops und in Gesprächen komme ich unweigerlich immer wieder an den Punkt über loses Gemüse bei Rewe und Co zu diskutieren. Der erste Kontakt mit Müllvermeidung stellte auch mich vor das Dilemma, unverpackte konventionelle Gurke oder verpackte Bio Gurke. Und jeder stellt sich die Frage: Was soll das?

Die Erklärung ist recht simpel: Die Bio-Gurke muss von der konventionellen Gurke an der Kasse unterscheidbar sein UND die Biogurke soll möglichst nicht kontaminiert werden. Die Biolebensmittel einzupacken, statt der konventionellen macht in sofern sogar Sinn, weil es insgesamt weniger Bioprodukte gibt und somit der Verpackungsanteil geringer ist. Das klingt zwar logisch, ist aber weder zielführend noch befriedigend, wenn man selbst einen möglichst ethisch korrekten Einkaufswagen haben möchte.
Ich habe das Problem damals für mich gelöst, indem ich nur noch im Bioladen einkaufen ging – hier gibt es dieses Dilemma nicht. Alles ist Bio und fast alles ist unverpackt. Wer jetzt noch die eigenen Stoffsäckchen von zu Hause mitbringt, der kann auch auf die blöden Plastiktüten verzichten, die tatsächlich auch in jedem Bioladen rumhängen. Denn auch von den Bios werden sie ganz rege genutzt. Ja leider ist bio noch lange nicht gleich unverpackt. Unverpackt ist aber auch noch lange nicht gleich Bio! Das wird spätestens auf dem Markt klar, wo man so ziemlich alles unproblematisch unverpackt bekommt – aber eben nicht Bio.

Aber was ist denn nun wichtiger? Newbies in der Zero Waste Szene freuen sich sehr, all die Möglichkeiten des unverpackten Einkaufens kennenzulernen und wahrzunehmen und festzustellen, wie schnell der Hausmüll schrumpft – ganz genauso wie es bei mir war. Da rückt das Siegel schnell in den Hintergrund.

Seid ich selbst ein Lebensmittelgeschäft führe – Einen Unverpackt Laden und einen Bioladen in einem 🙂 (Endlich keine Kompromisse machen) – lerne ich immer mehr, was unsere Landwirtschaft bedeutet. Wo die Sachen angebaut werden, unter welchen Bedingungen, mit welchen Hilfsmitteln und welchen Fördermitteln. Das Fazit, das ich soweit geben kann: Unsere Landwirtschaft ist in einem katastrophalen Zustand!! Ohne Übertreibung – Einfach nur katastrophal. Und zudem auch noch eine staatlich geförderte Katastrophe. Seit ich mehr und mehr die Augen öffne wird mir immer klarer, die Verpackung ist meist das kleinste Problem an unseren Lebensmittel:

Tierwohl

Unsere moderne Tierhaltung ist die reinste Qual, von der Haltung über Transport bis zur Schlachtung. Laut Fleischatlas 2018 weisen 53% der Masthühner Knochenbrüche auf, 38% der Milchkühe leiden unter Euterentzündungen, bis zu 30% an lahmen Gelenken. 80% der Mastschweinen sind verletzt oder an den Atemwegen erkrankt. Außerdem werden die Schwänze abgeschnitten, damit sie sie sich in der Enge nicht gegenseitig abkauen – ohne Betäubung.
Jeder der irgendwo ein Stück Fleisch ißt, wo nicht Bio – draufsteht, der muss davon ausgehen, dass es aus sehr bedenklichen Haltungsweisen kommt. Auch wenn das Fleisch vom regionalen Bauern kommt, heißt das nicht, dass das Tier je Tageslicht gesehen hat.

Gerade für Tierprodukte, also nicht nur Fleisch sondern auch Milchprodukte und Co. ist es auch durchaus sinnvoll auf strengere Siegel, wie Demeter zu setzten, da die Mindestkriterien des EU-Biosiegels,in Bezug auf Tierwohl noch sehr viel Luft nach oben lassen.

Klimaschutz  

Wer Verpackungen vermeidet, weil nicht nachwachsende Rohstoffe verschwendet werden, der wird staunen, worauf unsere industrielle Landwirtschaft gebettet ist. Zur Herstellung von Pestiziden und Düngemitteln sind enorme Mengen an fossilen Energieträgern notwendig. 5% des weltweiten Erdgasverbrauches werden zu Düngemitteln verarbeitet. Wer Biolebensmittel konsumiert, reduziert also den Verbrauch von fossilen Energieträgern, weil hier synthetische Düngemittel nur in minimalsten Mengen erlaubt sind. Die Verpackung hat hier wahrscheinlich meist den kleineren Anteil.

Kontrollen

Kritik kommt immer wieder auf, wenn ein schwarzes Schaf unter den Bioproduzenten herausgefischt wird. Die Kritik ist unbegründet. Durch die zwingenden regelmäßigen Kontrollen, werden solche Ausreißer gefunden und beseitigt. Konventionelle Produkte unterliegen gar keine Kontrolle. Hier ist so ziemlich alles erlaubt. Selbst wenn es immer noch etwas gibt, was man besser machen kann, ist Bio immer besser als konventionell!

Pflanzenschutz

Des einen Schutz ist des anderen Verhängnis. Pflanzenschutzmittel schützen die Akerpflanzen, weil sie Insekten, Pilze und Mikroorganismen vernichten. Unser flächendeckender Einsatz von Pflanzenschutzmittel hat mittlerweile zu einem Rückgang unserer Insekten um 80% geführt. Keine Insekten, bedeutet auch keine Vögel, keine Nützlinge und keine Bestäubung. Insekten sind also nicht bloß lästig, sondern für unser Fortbestehen überlebenswichtig. Einige Bienenarten sind bereits vom Aussterben bedroht. Da wir kaum noch Wiesen in unserem Land haben, die einfach nur in Ruhe gelassen werden, sinkt die Biodiversität dramatisch ab.

Gentechnik

In der EU ist Gentechnik verboten. Indirekt als Futtermittel für unsere Masttiere jedoch nicht. Sie bekommen billiges genverändertes Soja, welches zu einem großen Teil mitverantwortlich ist, an der Abholzung des Regenwaldes. Wer importierte konventionelle Lebensmittel konsumiert, hat ebenfalls keinen Garant für Gentechnikfreiheit. Bei Biolebensmitteln ist Gentechnik ebenfalls verboten. Welche Folgen die Gentechnik haben wird oder haben kann ist sehr umstritten und ziemlich ungewiss.

Gesundheit

Biolebensmittel sind gesünder. Es sind deutlich weniger Pestizide enthalten. Antibiotika sind nur im Einzelfall erlaubt. In der konventionellen Tierhaltung ist eine Antibiotikagabe flächendeckend notwendig, damit die Tiere ihre Qualen überleben. Antibiotikarückstände verbleiben in den Lebensmitteln und gelangen in die Umwelt. Das wiederum beflügelt die Entwicklung multiresistenter Keime. Noch wähnen wir uns in Sicherheit, aber in Krankenhäusern wird es zunehmend zum Problem, das immer häufiger kein Antibiotikum mehr wirkt.

Nachhaltigkeit

Konventionelle Landwirtschaft ist das genaue Gegenteil von nachhaltig: Äcker werden überdüngt und mit Pestiziden von jedem Leben befreit, wertvolle Humusschichten werden vernichtet, so dass immer mehr gedüngt werden muss – eine Abwärtsspirale. Düngemittel und Pestizide gelangen in Gewässer und ins Grundwasser und verunreinigend diese zunehmend. Sauberes Trinkwasser zu gewinnen wird damit immer teurer werden.

Fazit

Am liebsten konsumiere ich zwar immernoch Bio, unverpackt, regional, saisonal und vegan. Aber seit mir all das bewusst ist, steht für mich die Verpackung der Lebensmittel nicht mehr an 1. Stelle. Dann lasse ich sie lieber ganz weg. Wer nicht so standhaft ist und sich entscheiden „muss“, mein ganz klarer Favorit: Lieber Bio als unverpackt!

Weiter Lesen

Landwirtschaft ist sehr komplex. Meine Darstellung soll nur einen vereinfachten Überblick übers Thema geben. Wenn ihr Interesse bekommen habt, euch mehr mit

dem Thema auseinander zu setzten und euch gar für eine positive Entwicklung in der Zukunft einzusetzen empfehle ich euch folgendes:

Aktion Agrar

Kampagnen für die Agrarwende

Fleischatlas

Rezepte für eine bessere Tierhaltung. Spannende Infos, wie es wirklich abgeht in unserer Tierhaltung und was wir verbessern können.

Ernährungsrat

Lokal aktiv werden für die Agrar- und Ernährungswende

Solidarische Landwirtschaft

Biologische, regionale, saisonale, Fair bezahlte und nicht marktgebundene Landwirtschaft ohne Lebensmittelverschwendung

10 Comments to Bio vs. Zero Waste

  1. David schreibt:

    Wow! Ein sehr spannender Artikel!
    Ich finde es unfassbar inspirierend, wie sehr du dich für den Umweltschutz engagierst und es ist auch sehr interessant zu erfahren, was dir besonders bewusst und klar geworden ist dadurch, dass du einen eigenen Laden hast. Das sind Einblicke, die einen zum Nachdenken anregen.
    Du hast sogar ein eigenes Buch geschrieben, das ist für mich auf jeden Fall jetzt ein must-read, ich denke daraus kann ich noch einiges lernen und mitnehmen, sau cool! Mach weiter so mit allem was du machst, ich unterstütze das mit voller Überzeugungskraft! ^^

  2. Carina schreibt:

    Hallo Olga,
    Ich finde es wunderbar inspirierend auf wie vielen unterschiedlichen Arten und Weisen du dich mit einem nachhaltigen Leben beschäftigst und das hat mir gezeigt wie weitgreifend dieses ganze Thema ist. Es geht eben nicht nur darum möglichst wenig Müll zu produzieren, sondern unsere täglichen Entscheidungen zu hinterfragen und sich einen Blick hinter die Kulissen der Produkte (mit ihren vielen tollen Siegeln etc.) zu verschaffen.
    Ich finde deinen Blog und deine ganze Arbeit unfassbar toll, du bist (m)ein großes Vorbild:)

  3. Zero Waste Rhein-Sieg schreibt:

    Bio+unverpackt ist das nonplusultra, wenn ich dann noch weiß wo genau es her kommt, bin ich glücklich.
    Ich arbeite im Krankenhaus und bin immer wieder am Schmunzeln, wenn Patienten Angst vor MRSA haben – sicher zurecht – aber jeden Tag Fleisch und Wurst vom Discounter auf dem Teller haben. Ich kläre immer gerne auf woher der Keim eigentlich kommt und dass er nachwievor in den Produkten nachweisbar ist.

    Einziges Manko für mich als Vegetarier ist und bleibt das Katzenfutter. Unsere zwei Ladys kamen erst im mittleren Alter zu uns und nehmen DIY-Rezepte mit Biohuhn etc. nicht an, somit geht nur konventionell+verpackt und es ist derzeit unser einziger gelbe-Tonne-Produzent – keiner wäre mir lieber!!

    • Olga schreibt:

      MRSA ist in Discounterfleisch nachweisbar?
      Den meisten Menschen ist der Zusammenhang vieler Dinge nicht bewusst.

      Gerade was Haustiere angeht, finde ich es auch immer sehr sonderbar, dass wir die einen Tiere lieben und alles für sie tun und die anderen Tiere quälen und schlachten, um die geliebten Tiere zu füttern. Das könnte ich wiederum nicht.
      Wirkliche Alternativen kenne ich aber auch nicht.

  4. Malin schreibt:

    Liebe Olga,
    vielen Dank, dass du das Thema so gut hinterfragt hast. Du hast in vielen Punkten absolut Recht. Nichtsdestotrotz bin ich über einen Punkt gestolpert, der mich gestört hat, weil er nicht sachlich, sondern etwas reißerisch formuliert ist. Du schreibst:

    „Viele laufen mit gebrochenen Knochen herum, Kühe haben unentwegt Euterentzündungen.“

    Definiere „Viele“. Ich habe als Großtierarzt gearbeitet und schlimme Dinge gesehen. Knochenbrüche gehörten zur Seltenheit. Vielleicht beziehst du dich auf den Zustand von Schlachtkörpern bei denen häufig nach dem Tod Knochen brechen durch das Aufhängen?
    Bei Kühen muss unentwegt darauf geachtet werden, dass sie keine Euterentzündungen bekommen. Ist korrekt. Aber das ist etwas anderes als „Kühe haben unentwegt Euterentzündungen“. Aber nicht jede Zellzahlerhöhung kann mit Euterentzündung gleichgesetzt werden. Trotzdem bin ich ganz auf deiner Seite, wenn es darum geht zu fordern, dass Haltungsbedingungen und Zuchtstandards verändert werden müssen. Das ist aber ein sehr komplexes Thema, das nur EU-weit gelöst werden kann.

    Ich entschuldige mich falls ich mich geirrt habe und lasse mich gerne eines Besseren belehren.
    Ich plädiere lediglich für Sachlichkeit und Korrektheit und die Dinge differenziert von allen Seiten zu betrachten.

    Liebe Grüße

  5. Fjonka schreibt:

    Zu demselben Schluß bin ich auch gekommen (lieber bio als unverpackt) Aber bio UND unverpackt ist ja zumindest bei Obst und Gemüse wirklich nicht soooo schwierig, obwohl ich mich (als Verkäuferin im Bioladen) oft wundere, wie viele Leute auch dort gern zu den abgepackten Sachen greifen, selbst wenn es dasselbe ohne Tüte/ Schachtel daneben noch einmal zum selben Preis gibt….
    Zusätzlich meine ich inzwischen: lieber bio als regional (wenn es bio UND regional nicht gibt), denn wenn ich konventionell/regional esse, dann fördere ich ja konsequent Glyphosat und Co gleich nebenan! Und besser bio woanders als konventionell irgendwo! Finde jedenfalls ich.

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