Ersetzt das Ehrenamt die Therapie?

Veröffentlicht am: 11. Mai 2018 |

Diese Überschrift las ich kürzlich über einem Artikel im Kölner Stadtanzeiger. Ich habe den Artikel nicht gelesen. Das muss ich auch nicht, denn der Titel spricht mir aus der Seele und fasst in Worte, was ich innerlich schon lange spüre.

Als ich ein Teenager war, wusste ich nicht großartig viel mit mir anzufangen. Ich fühle mich zu dick, du pickelig und zu nutzlos. Unter der Schule habe ich gelitten und einen wirklichen Sinn sah ich im Leben auch nicht. Ich hatte diffuse Zukunftsangst und Depressionen. Meine Langeweile betäubte ich mit Fernsehen und essen, meine Sinnlosigkeit mit Alkohol und Marihuana. Wenn es abends auf die Rolle ging, dann wahr das oberste Ziel vergessen. Das klingt furchtbar traurig, wenn ich das so schreibe, ich glaube aber so oder so ähnlich geht es vielen Jugendlichen und wahrscheinlich auch Erwachsenen. Immer mehr Menschen sind einsam auch wenn sie in einer Millionenstadt leben, immer mehr Menschen erleiden Burnouts von ihren bedrückenden Arbeitsverhältnissen, vereinsamen im Alter, kaufen sich glücklich, stopfen sich vorm Fernseher mit Chips voll oder trinken zum Vergessen. Wir haben eines der höchsten Bruttosozialprodukte und sind doch nicht sonderlich glücklich, wenn man uns fragt.

Ich kann es einfach nicht mehr hören, wenn wir uns darüber aufregen, dass Menschen kriminell werden, Fremdenfeindlich sind, Drogen nehmen, sich ins Koma saufen oder illegale Autorennen starten. Ich wünsche mir, dass wir endlich anfangen an der Ursache zu arbeiten und nicht bloß die Symptome bestrafen, verurteilen oder einsperren. Warum machen so viele Leute so viel Scheiß der sie selbst und andere zerstört? Ich bin der festen Überzeugung, dass ein wesentlicher Bestandteil dieser Ursache die Tatsache ist, dass uns der Sinn im Leben fehlt, eine Aufgabe, die uns erfüllt, die wir mit Leidenschaft ausführen, ohne auf die Uhr zu gucken und die uns in einem sozialen Umfeld festhält.

Zu dieser Überzeugung kam ich, als ich anfing mich sozial und ehrenamtlich zu engagieren, zu Veranstaltungen zu gehen, die mich und meine Umgebung verändern können und meine Ideale offen zu leben und zu teilen.

Was macht Ehrenamt und Engagement so besonders:

  • Der Mensch an sich ist kein faules Wesen. Was er jedoch braucht ist ein tieferer Sinn in seiner Tätigkeit. Dann ist uns jeder Feierabend egal, dann arbeiten wir, weil es für uns keine Arbeit ist, sondern die Tätigkeit, die unser Leben erfüllt.
  • Unsere moderne Erwerbsarbeit wird immer abstrakter und verfolgt immer häufiger Ziele, die im kompletten Gegensatz dazu stehen, was uns als sozialen Wesen wichtig ist. Kein Wunder, wenn wir unseren Sinn hier nicht finden. Nicht jeder kann und will jedoch den Schritt wagen, seinen Beruf zur Berufung zu machen. Und genau hier wird interessant was nach der Erwerbsarbeit passiert. Verliert man sich im Hamsterrad oder geht man raus und sucht sich eine Tätigkeit, die einem den Sinn zurückgibt. (Wer Zero Waste lebt hat die große Chance durch die geringeren finanziellen Ansprüche vielleicht seine Erwerbsarbeit zu reduzieren und dafür mehr Zeit in Tätigkeiten zu stecken, die einen wirklich erfüllen).
  • Was uns Menschen ebenfalls inne ist, ist das Bedürfnis anderen Menschen oder Lebewesen etwas Gutes zu tun. Wir genießen es aus tiefstem Herzen zu geben! Wer es ausprobiert, wird es spüren. Es ist ein wirklich befriedigendes Gefühl etwas wertvolles für die Gesellschaft, seine Umwelt oder einzelne Personen zu tun, mit dem kein neues Paar Schuhe vergleichbar ist.
  • Was ich an der Kirche wirklich schätze ist der tiefere Sinn, die sie den Menschen gibt. Und das nicht nur über die unergründlichen Wege des Herrn die alles erklären. Auch die soziale Verpflichtung, die Eingebundenheit in eine Gemeinde, das unkommerzielle, das selbstverständliche freiwillige Engagement, die grenzenlose Spendenbereitschaft und dass es Räumlichkeiten gibt, wo man zusammenkommen kann. So etwas würde ich mir eigentlich auch wünschen, nur ohne Gott. Ich bin einfach nicht gläubig und möchte es auch nicht werden, der strukturelle Rahmen und die gegenseitige Achtsamkeit spricht mich aber sehr an. Wo ich genau das am ehesten finden kann, ist in Gruppen, die sich für eine bestimmte Sache einsetzen oder engagieren.
  • Sich zu engagieren ist somit nicht einfach nur das verrichten einer Arbeit, für die keiner einen Pfennig übrig hat. Ganz im Gegenteil. Es ist das regelmäßige Treffen mit Gleichgesinnten, das finden neuer Freundschaften, es ist Austausch und Freizeitbeschäftigung.
  • Gerade Jugendliche, die in ihrer Umwandlung von Kind zum Erwachsenen sehr von Unsicherheiten geprägt sind, geben gemeinsam aktive Gruppen ein Gefühl von Zugehörigkeit. Das kann die Gang sein, genauso wie die Greenpeace Jugend. Auch das Übertragen von Aufgaben ist ein wichtiger Bestandteil der Persönlichkeitsbildung und der Entstehung von Selbstwertgefühl und Selbstbewusst sein. Das beschränkt sich auch keinesfalls auf Jugendliche, sondern hört eigentlich nie auf und tut uns allen gut.
  • So gut es uns in unserer Wohlstandsgesellschaft auch geht, es gibt auch viele Probleme. Probleme und Missstände, die uns stören. Politik und Institutionen haben oft entweder nicht die Mittel oder nicht den Willen etwas zu ändern. Wenn wir weiterhin alle Aufgaben an unsere Institutionen abgeben, so blasen wir den Kostenapparat immer weiter auf. Kosten, die wir über unsere Steuern tragen. Hat irgendjemand eine Vorstellung davon, was es kostet alleine den Aachener Weiher in Köln halbwegs müllfrei zu halten? Zahlen kenne ich leider nicht aber, wenn ich sehe, dass die AWB hier mindestens 1-mal täglich aufräumt und ich mir vorstelle, dass es nur einer der zahlreichen Parks, Straßen und Mülleimer ist, die täglich geleert und gesäubert werden, dann wundert es mich nicht mehr, dass so viele Städte rote Zahlen schreiben. Würde jeder regelmäßig mit anpacken, wie es beispielsweise in Ruanda ganz normal ist, könnten diese Kosten nicht nur deutlich gesenkt werden, wahrscheinlich würde jeder anfangen seinen Müll direkt mit nach Hause zu nehmen, oder gleich ganz darauf verzichten.
  • Gemeckert wird viel. Manchmal glaubt man, je mehr Langeweile Menschen haben, desto mehr meckern sie über den Status Quo. Meckern ist grundsätzlich keine schlechte Sache, denn ein Problembewusstsein ist der erste Schritt zur Veränderung. Wer sich selbst engagiert, kann sich auch selbst aus der passiven Opferhaltung herausziehen. Es ist ein großartiges Gefühl, die Wirksamkeit zu spüren, die man selbst ausüben kann.
  • Wer auf Zero Waste umsteigt oder anfängt Minimalistisch zu leben, der reduziert früher oder später sein Konsumverhalten ganz automatisch. Bei dem Stellenwert den das Shoppen in unserer Gesellschaft hat, kann da schon mal ein ganz schön großes Loch bleiben, wenn dieser Bereich einfach wegfällt. Für mich war es eine großartige und erfüllende Lückenfüllung meine freie Zeit im Engagement einzusetzen.

Wo engagieren?

Ehrenamt und Engagement kann so vielseitig ausfallen. Es kann die feste Verpflichtung sein, einmal die Woche einem Flüchtling beim Deutsch lernen zu helfen oder Spenden für eine Wohltätige Organisation einzusammeln. Es kann aber auch vieles mehr bedeuten wie: Müll von der Straße aufsammeln, Demonstrationen besuchen oder organisieren, in Vereinen oder anderen aktiven Gruppen wie Greenpeace oder dem BUND oder Wohltätigkeitsorganisationen Aufgaben übernehmen, in Gemeinschaftsgärten mitwirken, gespendete Fahrräder für Flüchtlinge reparieren, einem Obdachlosen eine Dusche oder Obdach in einer frostigen Nacht anbieten, Bloggen und füttern der Sozialen Medien mit weltverändernden Themen, andere Menschen über Missstände aufklären, die Baumscheibe vor der Haustüre pflegen, Workshops geben, Anwesenheitsschichten schieben, in der Schulpflegschaft mitwirken, mit einem Schlauchboot illegale Fischerei stoppen, Veranstaltungen organisieren oder unterstützen oder einfach nur Sachen verschenken, die man selber nicht mehr braucht.

Ich empfinde es als so bereichernd mich zu engagieren, dass ich es zeitweise bedauere, erst so spät damit angefangen zu haben. Besonders inspirierend finde ich auch die Wahloma meines Sohnes. Eine richtige Oma hatte er nie, aber als er geboren wurde stand sie plötzlich vor der Tür, wie ein Engel der vom Himmel viel. Seitdem verbringt sie regelmäßig ganze Nachmittage mit ihm und bietet ihm so vieles, was er von uns nicht bekommt. Obwohl sie alleine lebt und auf Harz IV angewiesen ist, scheint sie mir die glücklichste Rentnerin in ganz Deutschland zu sein. Denn sie vergräbt sich nicht, sondern engagiert sich und hilft wo sie kann. Sie betreut regelmäßig Kinder, pflegt den Vorgarten der Mietwohnung und die Baumscheibe davor. Sie kocht für uns Mittagessen, strickt uns Socken und stopft Löcher. Wenn sie all das nicht tun würde, hätte sie zwar weniger Arbeit, aber auch weniger Freude in ihrem Leben. Und genau so geht es mir auch.

Was ich mir wünsche ist ein bisschen Engagement für Jedermann, ganz egal in welchem Bereich und auf welche Art. Ein verpflichtendes Freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr, würde nicht nur der Gesellschaft viel bringen, sondern auch jeder einzelnen heranwachsenden Person, die es ausübt. Mehr Wertschätzung und mehr Werbung für Engagement und Ehrenamt könnten zu mehr Selbstverständlichkeit führen zu einer Welt in der man nicht mehr fragt: Was hast du dir schönes neues gekauft? Sondern: Wo engagierst du dich gerade?

Wer noch keinen Platz für sein Engagement gefunden hat, oder immer noch nicht genug bekommt ist herzlich eingeladen am 11.6. um 19 Uhr bei Tante Olga vorbei zu schauen und bei Zero Waste Köln mitwirken.

 

3 Comments to Ersetzt das Ehrenamt die Therapie?

  1. Gregor schreibt:

    Ein gelungener Artikel. Danke für die Inspiration.

  2. Kirsten schreibt:

    ein ganz toller Beitrag, der das Problem unserer Zeit auf den Punkt bringt.

  3. Emmi schreibt:

    Liebe Olga, sehr schön geschrieben! Besonders schön finde ich wie du dich an deine Teenagerzeit erinnern kannst. Viele können das im Erwachsenenalter nicht mehr/lassen es nicht zu. Das ist das, was unsere Kinder in dem Alter brauchen, um sich darin nicht zu verlieren: Eltern, die es nachempfinden können und wissen, was das Kind braucht: die Krise überwinden und einen Sinn finden können.
    Vielen lieben Dank für diesen schönen Artikel!

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