Lebensmittelmüll

Veröffentlicht am: 10. Juli 2015 |

Die Reste von Lebensmitteln sind kein Müll im eigentlichen Sinne, sondern ein sehr wertvoller Rohstoff. Mit etwas Geduld entsteht daraus sehr fruchtbare Erde. Jeder der einen eigenen Garten hat weiß, wie wichtig gute Komposterde für das Gedeihen der neuen Pflanzen ist. Aber so wertvoll diese Erde auch ist, rechtfertigt es nicht im geringsten, die gigantischen Mengen an Lebensmitteln die weltweit in die Tonne wandern, obwohl sie noch essbar sind. Das betrifft die Landwirtschaft, den Großhandel, den Einzelhandel und den Verbraucher.

Fangen wir bei dem an, was wir am leichtesten beeinflussen können, uns selbst.

Zu Hause

Ein großer Teil der Lebensmittel, die wir sogar bezahlt haben, entsorgen wir. Solche, die glauben Müllvermeidung wäre teuer, sollten jetzt hellhörig werden. Gründe dafür gibt es verschiedene.

1. Platzende Kühlschränke

Wir neigen dazu unsere Kühlschränke bis ins letzte bisschen Luft vollzustopfen. Woran das liegt, vermag ich nicht zu beziffern. Ist des das übermäßige Angebot im Supermarkt, was uns dazu verführt immer mehr zu kaufen, als wir eigentlich brauchen, oder ist es die Sorge an einem verkaufsgeschlossenen Sonntag vielleicht doch zu verhungern oder das Gefühl immer möglichst viel Abwechslung und von allem etwas zu haben? Ich weiß es nicht, vielleicht auch deshalb weil mein Kühlschrank schon immer anders aussah. Aber eines ist eine triviale Folge. Wenn sich der Kühlschrankinhalt schon in dritter Reihe stapelt, wer weiß dann noch was in der hintersten Reihe vergammelt.

Also, haltet euren Kühlschrank übersichtlich. Befreit euch von dem Zwang immer perfekt ausgestattet zu sein. Esst erst mal auf bevor ihr neues holt. Und beginnt vorausschauender zu planen, was ihr in angemessener Zeit verarbeiten könnt.

2. MHD

Das berühmt berüchtigte Mindesthaltbarkeitsdatum ist der Fluch eines jeden Lebensmittelfreundes. So schön die Idee auch ist, den Verbraucher vor dem Konsum schlecht gewordenen Lebensmitteln zu schützen, so sehr entfremdet es uns auch von unseren ureigenen Instinkten anhand unserer Sinne wahrnehmen zu können, ob ein Lebensmittel noch genießbar ist oder nicht. Was viele zudem immer noch nicht wissen ist, dass das MHD lediglich ein Richtwert darstellt, der aber keineswegs auf die Goldwaage gelegt werden muss. Ein Joghurt wird aber nicht plötzlich um Schlag Mitternacht schlecht. Viele Lebensmittel werden es in unserer Lebenszeit überhaupt nicht. So werden Lebensmittel prophylaktisch entsorgt, obwohl sie besser Qualität sind.

Also, vertraut weniger auf ein aufgedrucktes Datum und mehr auf eure Sinne. riecht erst mal an der Milch oder probiert ein Löffelchen bevor ihr sie weg kippt. Lasst die Logik spielen. Lebensmittel die keinerlei Feuchtigkeit enthalten, wie Reis, Nudeln, Linsen und Bohnen können praktisch nicht schlecht werden.

3. Verpackungsgrößen

Discounter wie Aldi zwingen uns mit vordefinierten Verpackungsgrößen mehr Obst und Gemüse zu kaufen als wir verbrauchen können. Wer eine Paprika braucht, kauft dann halt drei und zwei werden im Kühlschrank vergessen.

Wer verpackungsfrei einkaufen geht kann also nicht nur endliche Ressourcen schonen, sondern auch die Lebensmittelverschwendung eindämmen.

4. Was ist essbar?

Ein Punkt der mich immer wieder umhaut, wenn ich mit Freunden koche, ist die Unwissenheit darüber, was an einer Pflanze gegessen werden. So wird vermeintlich unbrauchbares abgeschnibbelt und nicht verarbeitet. Die Stängel der Pilze können verarbeitet werden wie der Hut auch und sie schmecken nicht mal anders. Kohl- und Brokkolistrücke können einfach mit gekocht werden, sie müssen lediglich etwas feiner geschnitten werden, damit sie gleichzeitig gar werden. Porree muss nicht erst von den äußersten Schichten befreit werden. Warum man sich überhaupt die Arbeit macht Kartoffeln oder Möhren zu schälen ist mir ein Rätsel. Abgeschrubbt mit einer Gemüsebürste freut sich der Körper über die gesunden Inhaltsstoffe der Schale. Auch bei Gurken, Äpfeln und Birnen reicht was Waschen aus.

Dabei ist das bei Milch zum Beispiel schon längst gängige Praxis.

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Pilze mit Hut und Stil

Wenn ihr euch unsicher seid, ob man gewisse Teile eines Gemüses essen kann, lest es im Internet nach, dort findet ihr wirklich alles. Es gibt mittlerweile auch Kochbücher die noch weiter gehen und euch Ideen liefern, was ihr sogar aus Kernen und Orangenschalen noch spannendes herstellen könnt.

Einzelhandel

In Supermärkten fallen ebenfalls eine Menge Lebensmittel unseren gesellschaftlichen Strukturen zum Opfer. Zum einen ist mal wieder das MHD Schuld. Rückt dieses in greifbare Nähe wird aussortiert. Während sich vor kurzem noch einzelne Lebensmittelretter auf illegales Terrain begaben, um des Nachts Lebensmittel aus den Mülltonnen der Supermärkte zu „klauen“, etabliert sich zunehmend die legale Variante dazu. Das Foodsharing. Die mitmachenden Supermärkte geben ihre Lebensmittel an Freiwillige Verteiler raus, die diese zu öffentlich zugänglichen Verteilerstellen bringen. Hier kann sich jeder frei bedienen. Unser Supermarkt bietet uns außerdem die sehr beliebte Möglichkeit an, älteres Gemüse zum halben Preis mitzunehmen.
Schaut doch einfach mal, ob ihr einen Verteiler in der Nähe habt.

Landwirtschaft

Bereits auf dem Feld beginnt die Verschwendung. Krumme oder zu kleine Exemplare eines Gemüses schaffen es noch nicht mal vom Feld. Die Ernte ist entweder mit der Maschine nicht möglich, oder der Bauer weiß genau wenn eine Möhre nicht schön genug für den Einzelhandel ist. Das geht soweit, das wir aus dem Staunen kaum raus kommen, wenn wir mal eine Möhre mit zwei Köpfen sehen. Die aktuelle Marktsituation tut ihr übriges. Der letzte Beitrag im Radio, dass ein Teil der Erdbeerernte vernichtet werden soll, weil die Preise auf Grund der hohen Menge so niedrig sind, hat mir Tränen in die Augen getrieben. Brokkoli mit Rösschen und Stiel

Was soll man dagegen tun? Das wir den Apfel mit der Dötsche liegen lassen, wenn daneben einer ohne liegt, kann man keinem verübeln.  Und einen Einfluss darauf was im Supermarktregal liegt haben wir so direkt auch nicht.
Einige Bauern bieten an, die sogenannten Stoppelfelder nach der Maschinellen Ernte mit der Hand selbst nachzuernten. Das kann man zwar auch ohne Erlaubnis machen, dann aber am besten Nachts und wenn einen keiner sieht, denn streng genommen wäre das Diebstahl.

Da ich euch aber ungerne mit ungelösten Problemfällen zurücklasse, möchte ich euch an dieser Stelle die Solidarische Landwirtschaft wärmstens ans Herz legen, die auch liebevoll als Solawi bezeichnet wird. Hierbei tut sich eine Gemeinschaft zusammen, die ihr Obst und Gemüse direkt vom Bauern bezieht. Die Mitglieder zahlen unabhängig vom Ertrag einen monatlichen fixen Betrag, der den Bauer über das ganze Jahr hinweg finanziert. Dieser geht seiner bäuerlichen Arbeit nach und bringt einmal die Woche seine Ernte in eine zentrale Verteilstelle. Hier haben die Mitglieder nun ausreichend Zeit sich ihren Anteil abzuholen.

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Solawi Köln

Die Vorteile dieses Models liegen auf der Hand. Der Bauer ist nicht abhängig von Lebensmittelpreisen und Spekulationen und kann sich ganz auf sein Kerngeschäft konzentrieren. Schlechte Ernte auf Grund von höherer Gewalt werden von der Gemeinschaft getragen, aber auch gute Ernten werden entsprechend verteilt. Die Lebensmittel können an Saisonalität und Regionalität nur noch vom eigenen Garten übertroffen werden. Auch das Zweite-Klasse Gemüse mit Charakter findet einen Abnehmer, wenn nicht mehr nach Gewicht vergütet wird. Durch den Wegfall des Einzelhandels sinken die Kosten, die Lagerzeiten, die Transportaufwendungen und die Menge an Lebensmitteln, die den Prozess nicht überleben.

Das einzige Problem an der Sache: Es gibt viel zu wenige Solawis auf dieser Welt und die wenigen Plätze in der Gemeinschaft sind hart umkämpft. Wer von Anfang an dabei ist, kann sich seinen Platz sichern. Deshalb die gute Nachricht für alle Kölner. Schon im nächsten Jahr wollen zwei Solawis in Köln erstmalig an den Start gehen. Noch sind Plätze frei, wenn ihr also Interesse habt, schaut rein, meldet euch an oder wirkt sogar beim Gründungsprozess mit. Denn hier wirkt keine höhere Instanz – die Gemeinschaft ist Programm und entscheidet gemeinschaftlich.

 

3 Comments to Lebensmittelmüll

  1. Katharina schreibt:

    Irgendwie hatte sich im Keller eine Tüte Sojabohnen versteckt. Als ich sie gefunden hab, war das Mindesthaltbarkeitsdatum gute 3 Jahre abgelaufen. Um zu sehen, ob sie noch essbar sind, hab ich Sprossen draus gemacht, und wirklich alle haben gekeimt! Wie kann man so etwas wegwerfen?!

  2. Pingback: Blog Lieblinge #12: Nachhaltigkeit

  3. Bettina schreibt:

    Ein sehr wichtiges Thema, was hier sehr schön beleuchtet wird. Letztendlich beginnt hier die Verantwortung auch bei jedem einzelnen. Ich werfe nie essbares weg und kaufe eben nur so viel, wie ich weiß, dass ich es auch verbrauchen kann. Wie viele andere das handhaben, ist mir bis jetzt unverständlich… Ich beobachte auch immer wieder, dass viele Menschen Teile von Gemüse wegschneiden, die essbar sind, und frage mich wirklich warum???
    Leider gibt es viele Geschäfte, die Gemüse und Obst nicht rechtzeitig reduzieren. Das ärgert mich immer wieder. Für den gleichen Preis kaufe ich dann natürlich doch lieber das frische, obwohl ich das ältere gern mitnehmen würde, damit es nicht in der Tonne landet…

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