Gedanken nach 4 Jahren Zero Waste – Teil I

Veröffentlicht am: 8. Juni 2017 |

Von Eingemachtem

Vier Jahre sind nun rum und ich lebe immer noch Zero Waste. Die häufig gestellte Frage, ob ich denn jemals gezweifelt hätte, konnte ich bisher immer verneinen. Gezweifelt habe ich nicht, aber ich habe mich sehr verändert und tue es noch.

Ich fing sehr motiviert an, mein Leben umzustellen und war sehr experimentierfreudig. In der Anfangsphase besorgte ich mir schnell irgendwelche neuen Gadgets, die irgendwo noch ein weiteres Fitzelchen Müll einsparen könnten. Ich wurde sehr extrem bis hin zu Gewissensbissen, wenn ich es mal nicht schaffte, die Serviette rechtzeitig abzubestellen. Es wurde zum Lebensinhalt, die Hinterlassenschaften so weit wie möglich zu reduzieren – immer Voraugen die Einmachgläser mit Müll, die meine Vorbilder so plakativ in die Kameras hielten. Ich wollte auch so ein Einmachglas haben!

Mittlerweile finde ich das Einmachglas albern. Zu behaupten, dass das der einzige Müll sei, ist schlichtweg Quatsch. Wenn mal ein Socken kaputt geht, oder ein Autoreifen gewechselt wird, kommt er schließlich auch nicht in das Einmachglas. Dafür ist das Glas aber ein schönes Ansichtsobjekt, um zu zeigen, dass wir sehr wohl eine Wahl haben, wie viel Müll wir produzieren.

Unnötige Servietten stören mich auch heute noch, ich kann es aber um Welten besser verkraften. Ich konzentriere mich weniger auf die einzelne Tackerklammer, als viel mehr auf das große Ganze. Im Flugzeug zu sitzen und wegen einer Papierserviette ein schlechtes Gewissen zu haben, macht wenig Sinn. Auch hier würde ich versuchen, die Serviette einzusparen, denn auch hier ist sie einfach unnötig. Aber wenn ich jetzt ein schlechtes Gewissen bekomme, dann wegen des Flugzeugs und nicht mehr wegen der Serviette. Denn worum geht es eigentlich? Es geht nicht um stolze Einmachgläser, es geht um unsere Ressourcen und darum wo wir sie unnötig verschwenden.

 

20  / 80  – Regel

In Raphael Fellmers Buch „Glücklich ohne Geld“ begegnete mir der Satz: Mit 20% Energie, kannst du 80% Erfolg haben. Die Erfahrung habe ich auch beim Müll einsparen gemacht. Der Blick auf die großen Vorreitern mit ihren Mini-Müllmengen, wirken auf ihre Mitmenschen bisweilen eher abschreckend. Dagegen finde ich die Vorstellung geradezu motivierend, dass man mit 20% Eniergieaufwand, so viel erreichen kann. Wer seinen Müll reduzieren möchte, muss also keine Angst davor haben, auf sein Liebstes verzichten zu müssen. Das Anfangen ist entscheidend. Wer mit den einfachsten Sachen anfängt, erzielt schnell Erfolgserlebnisse. Die Motivation, weiter zu machen, kommt dabei von ganz alleine. So wichtig die Vorbilder für eine Entwicklung auch sind, es geht nicht darum, dass einige Wenige ihre 99% weniger Müll erreichen. Wichtiger ist es, dass viele sich auf den Weg machen die 80% zu erreichen. Wer dort angelangt ist, kann seine Energie getrost anderweitig einsetzten. Denn Müll einsparen ist ein sehr wichtiges Thema, aber je länger ich mich damit beschäftige, desto mehr lerne ich, wie viele andere Themen es gibt, die ebenso wichtig für eine gerechte Welt ohne Verschwendung und im Einklang mit der Natur sind. Ich bin zwar schon jenseits der 80 und strebe auch immer noch stete Verbesserung an, ich werde mir aber kein Bein mehr dafür ausreißen, dafür habe ich zu wenige davon.

Gregors Kinder (12,12 und 16 Jahre), die immerhin 50 % ihrer Zeit bei uns wohnen, haben einen nicht unerheblichen Anteil an diesem Erkenntnisgewinn. Mit ihnen haben wir auf einen Schlag gleich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann, wenn es darum geht andere Menschen von einer Idee zu überzeugen. Wir haben ihnen eine neue Welt vor die Nase gesetzt und gesagt: Das ist jetzt so! Aber so was machen Kinder nicht mit, genauso wenig wie Erwachsene. Man muss sie abholen, man muss sie mit ins Boot holen, man muss sie motivieren, freiwillig mit zu machen. Denn zwingen kann man sie doch nicht. Und vor allem muss man behutsam vorgehen und Gewöhnung ermöglichen – bei allen anderen genauso wie bei sich selbst.

Die 20 – 80 Regel ist das motivierenste was mir seit dem begegnet ist.

7 Comments to Gedanken nach 4 Jahren Zero Waste – Teil I

  1. Fussel schreibt:

    Ich finde diese pragmatische Sicht auch gut. Es ist viel sinnvoller, wenn 10 Leute 50% ihres Mülls einsparen, als wenn einer 95% einspart.
    Und wenn man ewig ein schlechtes Gewissen hat, weil man immer noch nicht perfekt ist, ist das auch nicht gut für’s Seelenleben.
    Für mich ist deshalb auch die Devise: so viel tun wie möglich, aber sich nicht fertigmachen, wenn es mal nicht klappt.

    Übrigens bin ich überzeugt, dass man diese „nur ein Weckglas Müll pro Jahr“-Bilanz nicht lange durchhalten kann.
    Beispiel: Bei meinem Freund waren letztens die Lieblingswanderschuhe an der Ferse sehr stark runtergelaufen. Er hat sich erkundigt, ob da auch diese stark profilierten Sohlen repariert werden können. Ging. Dabei musste aber der Schuster die restliche Absatzfläche 5 mm runterschneiden, damit wieder alles eben ist und er das neue Profil aufkleben konnte. Die Müllbilanz dabei sind 2 x ein dreiviertel Absatz und der Verschnitt für den neuen Absatz. Dann waren auch noch die Innensohlen durch und er hat sie gegen neue ausgetauscht. Zwei alte Innensohlen für den Müll.
    Die Gesamtmüllmenge für diese Aktion ist damit schon etwas mehr als in so ein Weckglas paßt, oder mit etwas Quetschen ist das Glas zumindest voll. Aber ich bin trotzdem sehr zufrieden damit, weil das das Paar Schuhe vor dem Wegwerfen bewahrt hat und kein neues Paar produziert und gekauft werden mußte.
    Es kann mir aber keiner erzählen, daß die Supermüllsparer nie ihre Schuhe reparieren lassen müssen oder sich nie neue (von mir aus auch gebrauchte) kaufen müssen. Vielleicht in den ersten zwei Jahren nicht, aber irgendwann ist es mal soweit. Alles hat seine Grenzen.

    Also lasst uns weiter Müll sparen, aber uns nicht kasteien 🙂

    • Olga schreibt:

      ich finde es auf jeden Fall ziemlich cool, dass du die Schuhe wieder fit gemacht hast. Die meisten hätten sie wahrscheinlich schlichtweg ausgetauscht. Das passt dann erst recht in kein Glas mehr 😛

  2. Mica schreibt:

    Hallo Olga,
    ich liebe die pragmatische und realistische Sichtweise, die Du in diesem Artikel besonders zeigst. Ich handhabe das ähnlich, denn es deckt sich mit meiner Erfahrung bezüglich Ernährung.

    Ich bin Vegetarier seit ich 12 bin und habe darin durch die Pubertät gewiss alle nur möglichen alle Phasen durchlebt 😉 Jetzt bin ich Anfang 30 und die Erfahrung lehrt mich: Wenn Du einfach das machst, was Du für Dich als richtig erkannt hast, Fragen beantwortest ohne Abschätzung und ohne groß zu belehren, deine Umgebung sieht, dass es Dir mit dieser Lebensweise gut geht, dann kannst Du Ihnen mit Deinem Vorleben allein auch Alternativen und Möglichkeiten zeigen. Sie sehen dass es leicht ist und Freude machen kann. Das ist meines Erachtens die beste Art Menschen zu erreichen und ggf. auch „anzustecken“.

    Denn man kann etwas bewirken: Wenn ich denke, wie sehr sich allein die Restaurant-Kultur verändert hat seit ich 12 war. Damals gab es nur komische Blicke, wenn ich nur etwas ohne Fleisch erbeten habe. Und heute… Da wirkt ein Restaurant ohne vegetarische/vegane Gerichte schon eher veraltet. So etwas kann unser Konsumverhalten bewirken. Es sind halt nur viele kleine Schritte.

    Also gratuliere: „keep up the good work!“
    LG
    Mica

  3. Lina schreibt:

    Liebe Olga,

    mein Freund und ich haben auch immer wieder Diskussionen darüber, wie realistisch diese Müllgläser sind und ob es dauerhaft nicht mehr Müll und Ressourcen einspart, wenn alle locker 60% ihres Müll einsparen, denn das ist echt kein dauerhaft großer Aufwand, wenn man einmal seine Gewohnheiten durchbrochen hat und sich dem Thema öffnet und viele sind dann begeistert oder es hat ihren Ehrgeiz gepackt auch noch mehr zu schaffen. Wohin gegen es in manchen Städten oder bedingt durch Lebensumstände es echt schwierig ist an die 80% zu kommen, und ich merke immer wieder, dass es eben nichts bringt andere Menschen aufdringlich zu belehren. Viele unserer Freunde kaufen inzwischen Milch in Glasflaschen weil sie bei uns gemerkt haben, dass es leckere ist und kein Mehraufwand bedeutet, oder haben sich eine Trinkflasche aus Edelstahl besorgt, was mich sehr freut und sich dadurch Gespräche ohne Zwang ergeben. Ich bekomme dafür im Gegenzug keine schlechte Laune mehr, wenn dann doch mal eine Dose Mais zum gemeinschaftlichen kochen Einzug in unsere Küche findet.
    Ich finde es super sympathisch, dass du deine Entwicklung mit einer Portion Selbstkritik reflektierst und nicht zu verbissen an die Sachen ran gehst, ich bin auch gerade dabei dies zu lernen.
    Liebe Grüße

  4. Maria Widerstand schreibt:

    Hallo!

    Auch ich habe mich genau in diese Richtung entwickelt. Mit diesem Prinzip komme ich sehr gut durchs Leben, es lässt sich leicht umsetzen und der Erfolg ist deutlich sichtbar.

    Zu den Servietten – ich nehme sie mit nach Hause, wenn ich eine bekomme statt mich zu ärgern. Die ersetzen mir in Härtefällen ganz gut die Küchenrolle 🙂 Und ich spare dafür an der anderen Stelle ein, was doch bereits geschehen ist.

    lg
    Maria

  5. dorothea schreibt:

    Ich gebe dir komplett recht, man kann andere nicht zwingen am Lebensstil teilzuhaben und jeder kleine Erfolg motiviert. Ich lebe noch lange nicht zero waste, aber ich stelle seit mehreren Jahren Bereich für Bereich um. Noch kaufe ich leider den großen Teil meiner Lebensmittel verpackt, Schritt für Schritt ändert sich auch das. Ich habe mit dem Klassiker Beutel statt Tüte angefangen, jetzt habe ich bereits viele Einwegdinge durch Mehrweg ersetzt. Bei vielem frage ich mich in der Zwischenzeit ernsthaft wie man nur das Einwegprodukt nutzen kann (wie sinnlos sind Papiertaschentücher bitte? Rotz und ex, und ständig nachkaufen.. ) Ich denke das ganze ist ein Prozess. Und wenn man den Lebensstil mit Überzeugung lebt fangen allmählich andere an einen zu kopieren. Mein Freund hat sich kurz nach unserem Kennenlernen zum Beispiel Stofftaschentücher angeschafft und läuft seit wir zusammen leben immer in seinem in Gläser verpackten Mittagessen zur Arbeit. Mit von mir liebevoll gehäkeltem Etui mit Stofftaschentüchern..
    Die wiederborstige Serviette die trotzdem kommt nehme ich übrigens mit nach hause und zerschneide sie in kleine stückchen. ein hervorragendes notklopapier für unterwegs wenn in öffentlichen toiletten keins da ist. was ich an servietten zu viel habe bringe ich meinen eltern mit, diese sind unbelehrbare küchenpapierfans.. kommt aber auch immer seltener vor.

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